Joachim und Anna

Paul Tro­ger: Joa­chim und Anna

 

Die Kir­che gedenkt am 26. Juli der hei­li­gen Anna und des hei­li­gen Joa­chim, der Eltern Mariens.

Ihre Namen sind aus dem Pro­tevan­ge­li­um (Vor-Evan­ge­li­um) des Jako­bus ent­nom­men, einer von der Kir­che nicht ins Neue Tes­ta­ment auf­ge­nom­me­nen Schrift, die wohl nach dem Jahr 150 ver­fasst wur­de. Ziel die­ses Vor-Evan­ge­li­ums war die Ver­herr­li­chung Mari­as. Sie wird schon in die­ser frü­hen Zeit des 2. Jahr­hun­derts als wun­der­sam emp­fan­ge­nes Kind dargestellt.

Ihre Emp­fäng­nis durch ihre betag­te, bis dahin kin­der­lo­se Mut­ter Anna und den eben­falls alten Joa­chim erfolg­te der legen­den­haf­ten Schrift zufol­ge durch nicht näher beschrie­be­nes gött­li­ches Wir­ken. Die Fröm­mig­keit man­cher Chris­ten im Alter­tum schloss aus der Gött­lich­keit Jesu, dass auch sei­ne Mut­ter Maria seit ihrer Geburt von der mensch­li­chen Ver­stri­ckung in die Erb­sün­de frei gewe­sen sein muss.

Die­se im Pro­tevan­ge­li­um des Jako­bus dich­te­risch ver­tre­te­ne Auf­fas­sung liegt auch der Dog­ma­ti­sie­rung der „unbe­fleck­ten Emp­fäng­nis“ Mari­ens zugrun­de, die im Jahr 1854 durch Papst Pius IX pro­kla­miert wurde.

Schon die Groß­el­tern Jesu müt­ter­li­cher­seits – so fol­gern die Fröm­mig­keit der Kir­che des 2. Jahr­hun­derts und die vati­ka­ni­sche Theo­lo­gie in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts – müs­sen hei­lig­mä­ßi­ge Men­schen gewe­sen sein, d.h. frei von sünd­haf­ten Regun­gen wie Neid, Hab­sucht, Zorn, Geil­heit, Gewalt­tä­tig­keit und ande­ren Las­tern. Sie müs­sen ihre in fort­ge­schrit­te­nem Alter und als Frucht einer Gebets­er­hö­rung emp­fan­ge­ne Toch­ter Maria ganz Gott über­ant­wor­tet haben. Nur weil Maria in einer hei­lig­mä­ßi­gen Fami­lie gezeugt und gebo­ren wur­de – so fol­gert die Logik der from­men Vor­stel­lun­gen – ist zu erklä­ren, dass ihr Sohn Jesus – eben­falls frei von Sün­de – die Lie­be Got­tes unver­fälscht leben konnte.

Die fei­er­li­che Ver­kün­di­gung des Dog­mas von der „Unbe­fleck­ten Emp­fäng­nis“ Mari­ens (Imma­cu­la­ta con­cep­tio), erfolg­te gewis­ser­ma­ßen am Vor­abend des Durch­bruchs der Psy­cho­ana­ly­se in der Welt der Ner­ven­heil­kunst. Die Psy­cho­ana­ly­se begann ein Ver­ständ­nis dafür zu wecken, wie sehr die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Eltern und Klein­kin­dern die Per­sön­lich­keit und das spä­te­re Schick­sal von Kin­dern und Erwach­se­nen prägt. Wir alle haben unse­re guten Eigen­schaf­ten und ande­res Gutes von unse­ren Ahnen geerbt, aber wir sind auch ver­wi­ckelt in ererb­te Unrechts­struk­tu­ren und Sün­de. Der Glau­be, dass Jesus von sei­nen Eltern und sogar von sei­nen Groß­el­tern her ohne Belas­tung durch Lieb­lo­sig­keit und Sün­de auf­wach­sen konn­te, hängt zusam­men mit dem Glau­ben, dass für uns in Ver­bun­den­heit mit dem gekreu­zig­ten und auf­er­stan­de­nen Jesus ein Auf­bruch mög­lich ist aus der Geschich­te des Schla­mas­sels, den wir als Erb­sün­de bezeichnen.

Des­halb wur­den 1584 Anna und Joa­chim von Papst Gre­gor XIII. in den kirch­li­chen Hei­li­gen­ka­len­der aufgenommen.

 

Text: Nor­bert Höfer

Bild: Paul Tro­ger, 1698–1762, Joa­chim und Anna, Öster­rei­chi­sche Gale­rie Bel­ve­de­re, Wien; Foto: Bel­ve­de­re, gemein­frei aus: wiki­me­dia commons

 

Über die Geschich­te der künst­le­ri­schen Dar­stel­lun­gen des für die mit­tel­al­ter­li­che Fröm­mig­keit sehr bedeu­ten­den Motivs der „Anna selb­dritt“ (d.h. als drit­te Per­son zusam­men mit Maria und Jesus) berich­tet der Wikipedia-Artikel:

https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_selbdritt  .