Die Hei­li­gen, derer wir in der Kir­che geden­ken, sind uns Mitt­ler und Vor­bil­der. Einer­seits füh­ren sie uns zu Chris­tus, ande­rer­seits sind sie Zeu­gen, die ihn uns nahe­brin­gen. Aller­dings kön­nen Vor­bil­der uns unter Umstän­den belas­ten oder ent­mu­ti­gen. Davor möch­te uns der mit­tel­al­ter­li­che Seel­sor­ger Meis­ter Eck­hart schüt­zen. Eck­hart, (ca.1260–1305) war Domi­ni­ka­ner und hat ver­mut­lich in Köln stu­diert. Gewirkt hat er als Pro­fes­sor in Paris und in Köln, als Seel­sor­ger im Elsass und als Obe­rer der Ordens­pro­vinz Saxo­nia, die 50 Män­ner- und eini­ge Frau­en­klös­ter in Mit­tel­deutsch­land, den Nie­der­lan­den und Lett­land umfass­te. Die Saxo­nia wur­de von Erfurt aus gelei­tet. In der dor­ti­gen Pre­di­ger­kir­che, die heu­te der evan­ge­li­schen Gemein­de gehört, hält man Eck­harts Andenken sehr in Ehren. Eini­ge Sät­ze aus den Pre­dig­ten und Schrif­ten der berühm­ten Theo­lo­gen und Phi­lo­so­phen wur­den zwar in einem Lehr­be­an­stan­dungs­ver­fah­ren als häre­tisch ver­ur­teilt. Aber Eck­hart wur­de nicht als Ket­zer ver­ur­teilt, weil er sich von vorn­her­ein dem Urteil der Kir­che unter­wor­fen hat­te. Sei­ne Schrif­ten und Pre­dig­ten ver­die­nen bis heu­te Beach­tung. Er schreibt:

Die Men­schen kann durch­aus Furcht und Bedrü­ckung über­kom­men, dass das Leben unse­res Herrn Jesus Chris­tus und auch das der Hei­li­gen so sehr streng und mühe­voll war. Der Mensch ist dem (meist) nicht gewach­sen, und er fühlt sich nicht dahin gezo­gen. Wenn sich dar­um die Men­schen hier­in nicht als eben­bür­tig emp­fin­den, so erach­ten sie sich als von Gott ent­fernt, dem sie nicht nach­fol­gen könnten.

Doch das soll nie­mand tun! Der Mensch soll sich nie und in kei­ner Wei­se als fern von Gott anse­hen, weder wegen eines Man­gels noch wegen einer Krank­heit noch wegen etwas ande­rem. Und wenn dei­ne gro­ßen Män­gel dich so weit von ihm abtrei­ben wol­len, dass du dich nicht zu Gott zu nähern ver­magst, so sollst du den­noch Gott als den Nahen erken­nen. Denn es liegt ein gro­ßer Scha­den vor, dass der Mensch sei­nen Gott in die Fer­ne versetzt.

Ob nun der Weg des Men­schen zu ihm hin oder von ihm weg ver­läuft, Gott geht nie­mals in die Fer­ne; er bleibt bestän­dig nah. Und kann er nicht drin­nen blei­ben, so ent­fernt er sich doch nicht wei­ter als bis vor die Tür.“

(Über­set­zung aus dem Mit­tel­hoch­deut­schen von Ger­hard Wehr, zitiert nach: Meis­ter Eck­hart, Vom Adel der mensch­li­chen See­le, Ana­con­da-Ver­lag Mün­chen, 2024, S. 55f.)

Bild: Meis­ter Eck­hart (lin­ke Figur), Skulp­tur von Eli­sa­beth Per­ger am Rat­haus­turm von Köln; Foto: Rai­mond Spek­king – wiki­me­dia com­mons cc.

Text: Nor­bert Höfer