Was ist Gospelrap?

Zuerst ein­mal müs­sen wir dar­über spre­chen, was Gos­pel­rap über­haupt ist. Der Begriff ist so modern, dass selbst Wiki­pe­dia kei­ne ein­deu­ti­ge Defi­ni­ti­on lie­fert. „Gos­pel“ bedeu­tet ursprüng­lich „Evan­ge­li­um“ – und genau dar­um geht es im Kern. Gos­pel­rap will das Evan­ge­li­um ver­kün­den. Es han­delt sich also im Grun­de um christ­li­chen Hip-Hop.

Das Schö­ne dar­an: Gos­pel­rap ist Lyrik im voll­wer­ti­gen Sin­ne. Jedes Lied ist eine eigen­stän­di­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit Glau­ben, Leben und Welt. Ich dru­cke zwar nicht jeden Text aus, um ihn auf das Reim­sche­ma zu ana­ly­sie­ren, aber ich schät­ze die Tie­fe die­ser Tex­te. Sie erlau­ben es, kom­ple­xe Gedan­ken zu ent­fal­ten und exis­ten­ti­el­le Fra­gen auf ihren Kern zu redu­zie­ren – etwas, das ein­fa­che christ­li­che Pop­mu­sik mit stän­dig wie­der­hol­ten Phra­sen oft nicht leistet.

Die The­men des Gos­pel­raps krei­sen um den Sinn des Lebens aus christ­li­cher Per­spek­ti­ve: Herz­schmerz, Sinn­lo­sig­keit, Melan­cho­lie, Dro­gen, aber auch klas­si­sche Lob­prei­sun­gen Got­tes. Seit ich Theo­lo­gie stu­die­re, hin­ter­fra­ge ich zuneh­mend die theo­lo­gi­schen Aus­sa­gen, die in sol­chen Tex­ten vorkommen.

Ein Bei­spiel: Vie­le Rap­per spre­chen von der „Höl­le“. Doch im Evan­ge­li­um selbst spielt die­ser Begriff kaum eine Rol­le. Die jüdi­sche Vor­stel­lung der Scheol beschreibt eher das Toten­reich, und selbst die Offen­ba­rung spricht von einem „Feu­er­see“, der sich auch als Ver­nich­tung – nicht als ewi­ge Qual – deu­ten lässt. Man kann also unter­schei­den zwi­schen Künst­lern, die den Begriff „Höl­le“ unre­flek­tiert über­neh­men, und sol­chen, die poe­ti­sche­re Bil­der wie „das Reich der Todes­schat­ten“ verwenden.

Ähn­lich pro­ble­ma­tisch fin­de ich Aus­sa­gen wie: „Nur in Jesus fin­dest du Frie­den.“ Sol­che Sät­ze ver­ken­nen, dass auch ande­re Men­schen Frie­den erfah­ren – wenn auch auf ande­re Wei­se. Natür­lich fin­de ich in Jesus Frie­den, und er schenkt mir vie­les mehr. Aber die­ser Satz darf nicht zu einem Maß­stab wer­den, der ande­re aus­schließt oder abwertet.

Als ange­hen­der Theo­lo­ge hilft mir Gos­pel­rap, ver­brei­te­te Glau­bens­bil­der und Bibel­aus­le­gun­gen in mei­nem Umfeld zu erken­nen – und zugleich zu reflek­tie­ren, wie leicht man selbst in ein­fa­che For­meln abrutscht.

 

Im Gegen­satz zu Rap, der oft Dro­gen, Gewalt oder Miso­gy­nie ver­herr­licht, steht Gos­pel­rap für ein bewusst from­mes Ver­hal­ten. Zei­len wie „Ich bleib für immer clean“ sind kei­ne Sel­ten­heit. Den­noch birgt auch die­se Rich­tung Gefah­ren. Kira Beer, ange­hen­de Pas­to­ral­re­fe­ren­tin in Mün­chen, hat in ihrem Pod­cast „aus­ste­hend – Was es am sieb­ten Tag noch zu sagen gibt“ (gemein­sam mit Tobi­as Sau­er) tref­fend dar­auf hin­ge­wie­sen: Chris­tin­nen und Chris­ten nei­gen manch­mal dazu, Jesus als ein­fa­che Lösung für kom­ple­xe Pro­ble­me zu prä­sen­tie­ren. Wenn jemand etwa sagt: „Du hast Dro­gen­pro­ble­me, weil dir Jesus fehlt“, ver­kennt das die Rea­li­tät vie­ler gläu­bi­ger Men­schen, die trotz ihres Glau­bens mit Trau­er, Sucht oder Schmerz kämpfen.

 

Dar­um ist Gos­pel­rap für mich kei­ne Lösung, son­dern eine Quel­le – für Refle­xi­on, Inspi­ra­ti­on und Hoff­nung. Wenn es einem Lied gelingt, ein Stück Hoff­nung zu ver­mit­teln, hat sich das Hin­hö­ren bereits gelohnt.

Musik ist für vie­le weit mehr als blo­ßer Klang – sie ist Aus­druck, Spra­che, Gebet und oft auch ein Stück Iden­ti­tät. Für man­che wird das Schrei­ben eines Lie­des selbst zur See­len­the­ra­pie: ein Akt der Ver­ar­bei­tung, der Selbst­be­geg­nung, des inne­ren Auf­at­mens. „Jede Zei­le und jeder Vers gibt mir Lebens­en­er­gie“, heißt es tref­fend in einem Song – und schö­ner könn­te man die Kraft der Musik kaum ver­dich­ten. Schon im Reim von See­len­the­ra­pie auf Lebens­en­er­gie klingt, was Musik zu leis­ten ver­mag: Sie ver­bin­det Schmerz und Hoff­nung, Bruch und Hei­lung, Cha­os und Rhyth­mus – und schenkt damit vie­len die Ener­gie, weiterzugehen.

Zum Abschluss ein Bei­spiel, das mich beson­ders berührt:

Weil ich weiß“ von JESID (Hip­Hop Cen­ter, Ber­lin Hip­Hop Aka­de­mie) – aus­ge­wählt wegen der Zei­le: „Ver­sprech dir, dass es Hoff­nung gibt, egal wo du gera­de bist.“

Part 1:

Ich war so ver­strahlt, und ich wuss­te das

Doch ich muss­te das, weil ich wie­der mal, Sucht­druck hab

Und die gan­zen Drugs, haben mich dann, kaputtgemacht

Viel zu schnell, ent­wi­ckel­te sich, mein gan­zer Frust zu Hass

 

Als mei­ne Oma starb, bin ich, in ein tie­fes, Loch gefallen

Kei­ner zum reden, ich such­te, nach halt überall

Ich weiß, dass du im Him­mel bist, hab noch dei­ne Hand geküsst

Kei­ne Sor­gen, weil Gott und sei­ne, Engel bеschüt­zen dich

 

Nein Bru­der, war niе in der Biblio­thek, ich war drau­ßen unter­wegs, Und hab Din­ger gedreht

So oft nachts geweint, mein Herz war aus Eis

Was jeder Rap­per rappt, hab ich wirk­lich gelebt

 

Wie bei, La Casa de Papel

Hab mich gefragt, wie komm ich, schnell an Geld

Aber nicht gemerkt, ich ver­lie­re mich, dabei grad selbst

Du gehst über Lei­chen, merkst nicht, dass du immer, tie­fer fällst

Wenn du kein Frie­den hast, sag mir was, bringt die­se Welt

 

Hook:

Jede Nacht, bevor ich schla­fe, dank ich Gott, für das

Weil ich weiß, allei­ne hät­te, ichs nie­mals, aus dem Loch geschafft

Immer wenn ich auf­ste­he, mer­ke ich, es ist vollbracht

Bleib für immer, clean, weil ich weiß, Gott gibt mir Kraft

Ich sehe wie­der klar , und genie­ße jeden Augenblick

Ver­sprech dir, dass es Hoff­nung gibt, egal wo du, gera­de bist

Auch wenn ich, oft dach­te, das ist, jetzt mein Untergang

Es kam alles anders, des­halb schreib ich, die­sen Lobgesang


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Text: Mari­us Mull


Bild­quel­le: Bild by ann­ca­pic­tures / Pix­a­bay
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